Tim Cook übergibt das Apple-Zepter
Nach 15 Jahren kommt es bei Apple wieder zu einer Wachablösung. Der langjährige CEO Tim Cook, der einst selbst in die grossen Fussstapfen des Mitgründers Steve Jobs treten durfte, gibt seinen Posten als CEO auf und wechselt in den Verwaltungsrat des Tech-Giganten aus Cupertino in Kalifornien. Auf ihn folgt John Ternus, der zuletzt die Geschicke der Hardware-Abteilung von Apple leitete und seit 2001 im Unternehmen tätig ist. Operativ steht das Unternehmen solide da, die hinkende KI-Integration lastet jedoch auf dem Gemüt der Investoren.
Ein neues Kapitel
Apple feiert dieses Jahr sein 50-jähriges Jubiläum. Der Legende nach begann alles in der Garage. Am 1. April 1976 unterzeichneten Steve Jobs, Steve Wozniak und der heute weitgehend in Vergessenheit geratene Ronald Wayne den Gründungsvertrag der Apple Computer Company. Wayne, damals 42 Jahre alt, entwarf das erste Firmenlogo und verfasste das Handbuch für den Apple I, bevor er nach nur zwölf Tagen aus Angst vor persönlicher Haftung seine Anteile für 800 US-Dollar abstiess. Das Startkapital des verbleibenden Duos war überschaubar: Steve Wozniak musste sich von seinem HP-65-Taschenrechner trennen, während Steve Jobs seinen VW-Bus verkaufte. Zusammen kamen sie auf knapp 2000 US-Dollar – genug, um den Grundstein für einen der folgenreichsten Konzerne der jüngeren Wirtschaftsgeschichte zu legen (Yahoo Finance, 19.01.2024). Und die Garage? «A bit of a myth», wie Wozniak Jahre später einräumte, eine Legende. Entworfen, entwickelt oder hergestellt worden sei dort nichts, man habe die fertigen Platinen lediglich dort gelagert, in Betrieb genommen und direkt weiterverkauft. Doch vielleicht braucht jedes grosse Unternehmen einen Schöpfungsmythos. Fünfzig Jahre später, im Frühjahr 2025, emittierte Apple Unternehmensanleihen im Wert von 4.5 Milliarden US-Dollar. Nicht, weil das Unternehmen das Geld gebraucht hätte, sondern weil es günstiger war, es sich zu leihen, als die eigenen Reserven anzutasten (Yahoo Finance, 06.05.2025). Die Erlöse flossen in Aktienrückkaufprogramme und die Bedienung aufgelaufener Schulden: Finanzarchitektur auf hohem Niveau, Lichtjahre entfernt von der ursprünglichen finanziellen Situation – so wie ein iPhone-Chip mit 20 Milliarden Transistoren kaum mehr mit jener Platine gemein hat, die Jobs und Wozniak einst für 666 US-Dollar das Stück verkauften.
Dieser Kontrast ist mehr als eine Anekdote. Er steht für eine Transformation, die weit über blosse Grössenverhältnisse hinausgeht: Apple ist längst kein eindimensionaler Hardwarehersteller mehr, sondern der nach Marktkapitalisierung drittgrösste Konzern der Welt mit einer diversen Palette an Produkten und Dienstleistungen.
Dass nun ein Wechsel an der Führungsspitze ansteht, ist alles andere als zufällig. Unter Tim Cook ist Apples Marktkapitalisierung seit 2011 von rund 350 Milliarden auf zuletzt vier Billionen US-Dollar gestiegen, eine rund 24-fache Wertsteigerung. Der Umsatz hat sich in derselben Periode fast vervierfacht und überschritt im vergangenen Geschäftsjahr die Marke von 400 Milliarden US-Dollar (CNBC, 20.04.2026). Cook, der Lieferketten-Architekt, hat Apple zu einer logistischen und finanziellen Maschine geformt. Sein designierter Nachfolger, der am 1. September 2026 übernimmt, entstammt einer ganz anderen Disziplin.
Der Ingenieur übernimmt das Ruder
John Ternus, 51, Maschinenbau-Absolvent der University of Pennsylvania, arbeitete sich in einem Vierteljahrhundert vom Produktdesigner zum Senior Vice President Hardware Engineering hoch. Seine Handschrift findet sich in praktisch jedem modernen Apple-Gerät: vom iPad über die AirPods bis zum jüngst präsentierten iPhone 17 samt dem ultraschlanken iPhone Air. Entscheidend dürfte jedoch sein, dass er die Umstellung des Mac-Portfolios von Intel-Prozessoren auf die hauseigenen Apple-Silicon-Chips orchestrierte – ein technologisch ambitioniertes Projekt, das heute als strategischer Glücksfall gilt (Fortune, 20.04.2026). Dass die Wahl auf einen Ingenieur fällt, zeigt, wohin es künftig gehen soll: Die Zeiten, in denen Apple primär über Zulieferketten und Skalierung wuchs, neigen sich dem Ende zu. Die nächste Wachstumswelle soll sich an der Schnittstelle von Hardware und künstlicher Intelligenz entscheiden.
Operativ übernimmt Ternus ein Unternehmen auf dem zahlenmässigen Höhepunkt. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Apple einen Rekordumsatz von 143.8 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 16 Prozent zum Vorjahr (Apple, 29.01.2026). Getragen wurde das Resultat vom iPhone-Geschäft, das mit 85.3 Milliarden US-Dollar um 23 Prozent zulegte, und vom Dienstleistungssegment, das erstmals die Schwelle von 30 Milliarden US-Dollar Quartalsumsatz durchbrach. Die Bruttomarge verbesserte sich auf 48,2 Prozent, der Nettogewinn kletterte auf 42.1 Milliarden US-Dollar. Besonders bemerkenswert: In Greater China, wo Apple jahrelang mit strukturellem Gegenwind zu kämpfen hatte, wuchs der Umsatz um 38 Prozent (Yahoo Finance, 23.03.2026). Die installierte Basis überschritt die Marke von 2.5 Milliarden aktiven Geräten.
Das Servicegeschäft ist dabei längst mehr als ein Anhängsel. Mit rund einem Viertel des Konzernumsatzes und deutlich höheren Margen als das Hardwaregeschäft zementiert es die Bindung der Nutzer an das Ökosystem. Die Kapitalallokation folgt dieser Logik: Nach der im Mai 2025 beschlossenen Rückkaufermächtigung über 100 Milliarden US-Dollar, der zweitgrössten der US-Konzerngeschichte nach Apples eigenem Vorjahresprogramm, setzte das Unternehmen allein im Dezember-Quartal 24.7 Milliarden US-Dollar für eigene Aktien ein (MacDailyNews, 02.05.2025). Parallel nutzt das Unternehmen sein hohes Kredit-Rating, um sich über Anleihenemissionen günstig zu refinanzieren.
Apple vor wegweisender Zukunft
Und doch steckt im Apfel ein Wurm drin: die künstliche Intelligenz. Seit der Vorstellung von Apple Intelligence im Jahr 2024 verspricht der Konzern eine grundlegend überarbeitete Siri — und liefert nicht. Nach mehreren Aufschüben verkündete Apple im Januar 2026 eine Partnerschaft mit Google, deren Gemini-Modelle künftig im Zentrum der Apple-Intelligence-Architektur stehen sollen; der Deal kostet rund eine Milliarde US-Dollar jährlich (CNN, 12.01.2026). Für einen Konzern, dessen DNA auf vertikaler Integration beruht, ist dieses Eingeständnis einschneidend. Parallel verliess KI-Chef John Giannandrea Ende 2025 das Unternehmen; seine Aufgaben verteilen sich nun unter anderem auf den von Google abgeworbenen Amar Subramanya, den vormaligen Engineering-Chef von Gemini (CNBC, 17.12.2025).
Zu diesem Rückstand gesellen sich weitere Fronten. Die Zölle der Trump-Administration belasteten das Dezember-Quartal mit rund 1,4 Milliarden US-Dollar, die durch den KI-Boom ausgelöste Verknappung von Speicher- und 3-Nanometer-Chips droht das Wachstum zu deckeln, und das Vision-Pro-Headset konnte die hohen Erwartungen bislang nicht erfüllen. Dass zugleich Johny Srouji, der Architekt des «Apple Silicon»-Programms, als neuer Chief Hardware Officer jene Rolle übernimmt, die Ternus hinterlässt, ist kein beliebiger Personalentscheid: Die Silizium-Kompetenz bleibt das strategische Fundament.
Der Wachwechsel trifft Apple somit in einem eigentümlichen Zwiespalt. Selten war die Kassenlage komfortabler, selten der Druck zur Neuerfindung grösser. Tim Cook hinterlässt ein Unternehmen, das die operative Perfektion zur Kunstform erhoben hat. John Ternus wird daran gemessen werden, ob er aus dieser Maschinerie wieder eine Erfindungsfabrik machen kann. Es ist, in vielerlei Hinsicht, die schwierigere Aufgabe.