Nahost-Krise beschwört das Inflations-Gespenst zurück
Die jüngste Eskalation des Konflikts im Nahen Osten und die damit zusammenhängende Schliessung der Hormuz-Strasse machte sich nicht nur im Ölpreis bemerkbar. Auch Gold und der US-Dollar zeigten eine Reaktion. Während sich der Goldpreis zum Wochenbeginn nach einem kurzen Einbruch sich wieder stabilisierte, konnte der US-Dollar sowohl gegenüber dem Euro als auch gegenüber dem Schweizer Franken um rund 2 Prozent zulegen – angesichts der Umstände können diese Entwicklungen auf den ersten Blick überraschend wirken.
Ein Energieschock trifft auf einen sensiblen Zinsmarkt
Die Strasse von Hormuz ist eine wichtige Transportroute für die globalen Energiemärkte. Durch die Meerenge liefen 2024 im Schnitt rund 20 Millionen Barrel Öl pro Tag, also etwa ein Fünftel des weltweiten Flüssigkraftstoffverbrauchs (Reuters, 23.01.2026). Hinzu kommt rund ein Fünftel des globalen LNG-Handels, der vor allem aus Katar stammt (EIA, 24.06.2025). Eine Schliessung dieser wichtigen Meerenge ist nicht nur ein Thema für bestimmte Energielieferanten und Konsumenten, sondern auch für Inflationserwartungen, Notenbanken und Anleihemärkte.
Genau dort liegt der Kern der jüngsten Marktreaktion. Theoretisch sollten geopolitische Risiken US-Staatsanleihen stützen. Diesmal stiegen die Renditen jedoch, weil Investoren den Ölpreisschub primär als Inflationsrisiko wahrnahmen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte am 3. März auf rund 4,10 Prozent (CNBC, 03.03.2026), während der Markt eine nächste vollständig eingepreiste Fed-Senkung erst wieder für September sieht (Reuters, 03.03.2026). Es zeichnet sich ein Tauziehen zwischen mehreren Sichtweisen ab: Bremst teurere Energie die Konjunktur und drückt Zinserwartungen? Zwingt der Energiepreisschub die US-Zentralbank Fed (Federal Reserve) zu länger restriktiver Geldpolitik? Oder handelt es sich hier nur um einen kurzfristigen Effekt, der bald wieder vorüber sein wird?
Warum Gold nicht unbedingt ein Selbstläufer ist
Wie könnte die kurzfristige Schwäche des Goldpreises eingeordnet werden? Gold profitiert in Krisen nicht nur isoliert, sondern vor allem dann, wenn Renditen fallen oder der US-Dollar nachgibt. Steigen dagegen die US-Renditen und wertet der US-Dollar gleichzeitig auf, erhöhen sich die Opportunitätskosten des zinslosen Edelmetalls, wodurch ein Abwärtsdruck entstehen kann. Gleichzeitig bleibt Gold ein klassischer Absicherungswert. Sollte sich die geopolitische Lage weiter zuspitzen oder das systemische Risiko höher eingepreist werden, kann die Nachfrage nach Sicherheit die Zins- und Währungseffekte langfristig überlagern.
Der US-Dollar wiederum zeigt trotz allem, dass er nach wie vor strukturell stark ist. In Unsicherheitsphasen suchen Investoren primär Liquidität und Markttiefe. Der US-Staatsanleihenmarkt ist der grösste und liquideste der Welt, der US-Dollar ist trotz allem nach wie vor die zentrale Finanzierungswährung. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) war der US-Dollar im Jahr 2025 an rund 89 Prozent aller globalen Devisentransaktionen beteiligt (BIS, 30.09.2026). Gleichzeitig bleibt er die mit Abstand wichtigste Reservewährung: Im dritten Quartal 2025 entfielen trotz der «De-Dollarisierungs»-Debatte nach wie vor rund 57 Prozent der globalen Devisenreserven auf den US-Dollar, deutlich mehr als jede andere Währung (IMF COFER, 19.12.2025).
Wie könnte es weitergehen?
Die entscheidende Schlussfolgerung ist daher nicht, dass Gold oder Staatsanleihen als Sicherungsinstrumente an Bedeutung verloren hätten. Ein kurzfristiger geopolitischer Schock kann je nach Umstand sowohl Edelmetalle als auch den US-Dollar stützen (Reuters, 01.03.2026). Gleichzeitig kann ein Energieschock, der primär über höhere Inflationserwartungen wirkt, steigende Renditen begünstigen und damit Gold unter Druck setzen (Reuters, 03.03.2026).
Relevant ist deshalb vor allem die Art, Dauer und Intensität eines Schocks. Bleibt dieser temporär, könnten die beschriebenen Bewegungen primär eine taktische Reaktion widerspiegeln. Verfestigt sich der Preisdruck, könnten Inflationsprämien steigen, geldpolitische Lockerungserwartungen weiter nach hinten verschoben und Bewertungsniveaus neu definiert werden. In diesem Fall könnte neben dem Ölpreis auch das Zinsrisiko wieder in den Mittelpunkt rücken.