Finden Pharma-Unternehmen die passende Rezeptur?
Die Basler Pharmariesen Roche und Novartis mussten in den letzten Monaten lernen, dass der wichtigste Faktor für den Geschäftserfolg nicht mehr nur im Labor, sondern vermehrt in Washington liegt. Zölle bleiben zwar ein politisches Dauerthema, doch bei Pharma sind sie bislang ausgeblieben – nicht aus Zufall, sondern als Teil eines Deals aus Preiszugeständnissen und milliardenschweren Investitionsversprechen in den USA. Parallel dazu erhöht der amerikanische Staat den Preisdruck über Medicare, während die Unternehmen versuchen, die Kostenlast nach Europa zu verlagern.
Washington gibt den Tarif durch
Pharmaimporte in die USA sind bislang zollfrei geblieben. Dieser Umstand gibt aber keinen Anlass zur Entspannung: Die US-Regierung will die ohnehin hohen Medikamentenpreise nicht zusätzlich über Abgaben anheizen. Eine aktuelle Federal Reserve-Studie berichtet, dass Zölle bislang zu rund 90 Prozent von US-Unternehmen und Konsumenten getragen wurden (Financial Times, 12.02.2026). Der Spielraum bleibt also begrenzt.
Auch die Feinjustierung von Medicare, dem staatlichen Versicherungsprogramm für ältere und einkommensschwächere Amerikaner, sorgt für Unsicherheiten. Ein grosser Teil der Versicherten ist in sogenannten Medicare-Advantage-Plänen organisiert, die von privaten Krankenversicherern geführt werden. Diese erhalten vom Staat pro Versicherten fixe Zahlungen. Für 2026 stellte die zuständige Behörde CMS (Centers for Medicare & Medicaid Services) jedoch lediglich eine minimale Anpassung von +0,09 Prozent in Aussicht, nachdem Analysten mit 4 bis 6 Prozent gerechnet hatten (FuW, 28.01.2026).
Für die Versicherer bedeutet das einen engeren finanziellen Spielraum. Steigen die Behandlungskosten schneller als die staatlichen Zuschüsse, bleibt kaum eine andere Möglichkeit, als bei Leistungserbringern auf tiefere Preise zu drängen. Damit rückt zwangsläufig auch die Pharmaindustrie stärker in den Fokus der Kostendämpfung.
Hinzu kommt: Im Rahmen des Inflation Reduction Act verhandelt der Staat direkt mit Herstellern über die Preise ausgewählter umsatzstarker Medikamente. Auf der aktuellen Liste stehen unter anderem Xolair von Roche sowie Cosentyx und Kisqali von Novartis. Diese Präparate erzielen zusammen rund 20 Mrd. US-Dollar Netto-Umsatz in den USA (FuW, 28.01.2026). Selbst ohne formelle Preisobergrenzen verschiebt sich die Verhandlungsmacht somit schrittweise zugunsten des Staates. Für Pharmaunternehmen heisst das: Die Preissetzung wird zunehmend politischer – und damit weniger frei kalkulierbar.
Wenn die Preissetzung politisch wird
Obwohl hunderte Unternehmen gegen unrechtmässig erhobene Zölle klagen, halten sich die Basler Riesen Roche und Novartis zurück (FuW, 26.02.2026). Der Grund liegt auf der Hand: Wer im profitabelsten Markt der Welt tätig ist, vermeidet offene Konfrontation.
Im Gegenteil: Die Konzerne haben weitreichende Zusagen gemacht. Roche und Novartis versprachen milliardenschwere Investitionen in den Ausbau ihrer US-Präsenz. Insgesamt geht es um 73 Mrd. US-Dollar in den kommenden Jahren (FuW, 26.02.2026). US-Präsident Donald Trump sprach zuletzt sogar davon, Novartis plane elf neue Fabriken in den Vereinigten Staaten (cash.ch, 20.02.2026).
Für die Unternehmen sind diese Investitionen Teil einer Absicherung: Wer lokal produziert, reduziert politische Angriffsflächen. Gleichzeitig verschiebt sich die Kostenbasis. Produktionskapazitäten in den USA sind teurer als in vielen anderen Regionen. Der Kapitaleinsatz steigt, die Kapitalrendite muss langfristig mithalten.
Wer bezahlt die Entlastung in den USA?
Während in den USA Preiszugeständnisse im Raum stehen, laufen in Europa und der Schweiz Diskussionen über Medikamentenpreise. Roche-CEO Thomas Schinecker bezeichnete die Schweizer Preise als «zu niedrig», Novartis-CEO Vas Narasimhan stellte offen in Aussicht, Produkte allenfalls nicht oder später einzuführen, falls die Vergütung nicht stimme (FuW, 26.02.2026).
Pharmaunternehmen versuchen somit, Preiszugeständnisse in einem Markt über höhere Erlöse in anderen auszugleichen. Besonders heikel wird dies, weil internationale Referenzpreissysteme existieren. Wenn neue Medikamente in Europa zu tiefen Preisen eingeführt werden, kann dies indirekt auf andere Märkte zurückwirken.
Hinzu kommt, dass die US-Regierung bei neuen Produkten verlangt, dass diese nicht über dem tiefsten Nettopreis in den G7-Staaten sowie Dänemark und der Schweiz eingeführt werden dürfen (FuW, 04.02.2026). Damit verknüpfen sich nationale Preisentscheidungen unmittelbar mit der globalen Strategie der Konzerne. Die geografische Umsatzverteilung sagt somit weniger über die Ertragskraft aus als früher. Entscheidend ist, in welchen Märkten noch Preissetzungsspielraum besteht – und wo nicht.
Ein Blick auf die Unternehmensebene
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein differenzierter Blick auf die Pharmalandschaft. Die grossen Innovatoren wie Roche und Novartis verfügen über starke Pipelines und robuste Margen. Novartis erreichte 2025 eine Kern-Ebit-Marge von über 40 Prozent und erfüllte damit ein ursprünglich erst für 2027 gesetztes Ziel (FuW, 04.02.2026). Roche erzielte im selben Zeitraum ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum von 7 Prozent (Tagesanzeiger, 29.01.2026).
Auf der anderen Seite stehen Unternehmen, die vom Kostendruck indirekt profitieren. Sandoz etwa wuchs 2025 insbesondere im Biosimilar-Geschäft zweistellig und steigerte die Kern-Ebitda-Marge stärker als erwartet (FuW, 25.02.2026). Das Geschäftsmodell ist einfacher: Nachahmerprodukte sind günstiger und werden gerade dann attraktiver, wenn Gesundheitssysteme sparen müssen.
Gleichzeitig zeigt die Bewertung, dass auch hier Erwartungen eingepreist scheinen. Mit einem geschätzten KGV von 22 liegt Sandoz über dem Niveau der grossen forschenden Pharmakonzerne, obwohl die Profitabilität deutlich tiefer ist (FuW, 25.02.2026). Der Markt bezahlt also für die Erwartung künftiger Patentabläufe, etwa im Bereich der Fettleibigkeitsmedikamente. Ob und wie schnell sich daraus substanzielle Umsätze ergeben, bleibt jedoch offen.
Die Schweizer Pharmaindustrie bleibt global wettbewerbsfähig. Sie trägt rund 7 Prozent zum Schweizer BIP bei und steht für über 40 Prozent der Exporte (swissinfo.ch, 20.02.2026). Doch das Umfeld verändert sich. Die USA nutzen ihre Marktmacht, China baut Forschungskapazitäten aus, Europa ringt mit Kostendruck und Regulierung.
Die strukturelle Stärke der Branche bleibt unbestritten. Doch die Renditequellen werden differenzierter. Innovation bleibt zentral, aber politische Ökonomie wird zu einem ebenso wichtigen Wettbewerbsfaktor.