Pharma entdeckt das Gewicht
Roche will bei Abnehmmitteln in einen Markt vorstossen, den bisher Eli Lilly und Novo Nordisk dominieren. Neue Studiendaten zum Wirkstoff Enicepatide zeigen bei Menschen mit Diabetes einen deutlichen Gewichtsverlust und eine verbesserte Blutzuckerkontrolle. Für Roche sind die Ergebnisse ein wichtiger Schritt. Entscheidend wird nun sein, wie sich der Wirkstoff im weiteren Entwicklungsprozess und gegenüber den etablierten Anbietern bewährt.
Roche sucht ein neues Wachstumsfeld
Die Schweiz ist ein wichtiger Standort der Pharmaindustrie. Roche und Novartis gehören hier zu den grössten Pharmakonzernen. Gleichzeitig verschieben sich die Wachstumsschwerpunkte in der Pharmaindustrie. Ein besonders dynamischer Bereich sind Medikamente gegen Übergewicht. Reuters zufolge könnte der weltweite Markt innerhalb des kommenden Jahrzehnts einen jährlichen Umsatz von rund 100 Milliarden Dollar erreichen (Reuters, 21.09.2026).
Für Roche ist der Markt für Medikamente gegen Übergewicht ein neues Geschäftsfeld. Der Konzern ist bisher vor allem mit Medikamenten gegen Krebs und mit Diagnostik gross geworden. Mit «Enicepatide» versucht Roche nun, einen Platz in einem Markt zu erobern, der bisher vor allem von Novo Nordisk und Eli Lilly geprägt wird (Reuters, 22.09.2026).
Enicepatide wurde ursprünglich unter dem Namen «CT 388» entwickelt (FuW, 22.09.2026). Der Wirkstoff ahmt zwei körpereigene Hormone nach, die GLP-1 und GIP heissen. Vereinfacht gesagt sollen sie den Appetit dämpfen und dadurch das Körpergewicht senken. Zugleich sollen sie helfen, den Blutzucker zu kontrollieren. Das Mittel wird einmal pro Woche gespritzt (Reuters, 22.09.2026).
Die Studiendaten sind bemerkenswert
In einer Phase II Studie untersuchte Roche Enicepatide bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht oder Adipositas. Die Ergebnisse fallen vor allem deshalb auf, weil der Wirkstoff zwei Ziele gleichzeitig erreicht: Er hilft beim Abnehmen und verbessert den Blutzucker. Bei der höchsten Dosis verloren die Teilnehmer nach 48 Wochen durchschnittlich 15,5 Prozent ihres Körpergewichts (FuW, 22.09.2026).
Auch beim Blutzucker zeigte sich eine deutliche Wirkung. Der sogenannte HbA1c-Wert, der den durchschnittlichen Blutzucker über einen längeren Zeitraum abbildet, sank bei der höchsten Dosis um 2,65 Prozentpunkte. Besonders stark war der Effekt bei Patienten, deren Blutzucker zu Beginn der Studie schlecht eingestellt war (AWP, 22.09.2026).
Für Roche ist der Gewichtsverlust besonders interessant, weil Menschen mit Typ-2-Diabetes unter diesen Therapien normalerweise weniger Gewicht verlieren als Menschen ohne Diabetes. Laut Roche werde ein Gewichtsverlust von 15,5 Prozent bei Patienten mit Diabetes in anderen Studien teilweise erst nach 72 Wochen oder später erreicht (FuW, 22.09.2026).
Hinzu kommt, dass die Gewichtskurve nach 48 Wochen noch kein klares Plateau erreicht hatte. Ein weiterer Gewichtsverlust wäre damit denkbar. Ob sich dieser Effekt bei einer längeren Behandlung fortsetzt, müssen allerdings die kommenden Studien zeigen (FuW, 22.09.2026).
Roche trifft auf starke Konkurrenz
Damit kommt Roche in einen Markt, in dem bereits zwei grosse Anbieter etabliert sind. Novo Nordisk ist mit Wegovy stark im Geschäft mit Gewichtsreduktion vertreten. Eli Lilly hat mit Zepbound und Mounjaro ebenfalls erfolgreiche Medikamente auf dem Markt. Beide Unternehmen arbeiten zudem an weiteren Wirkstoffen.
Die bisherigen Daten zu Enicepatide fallen im Vergleich zu diesen Therapien interessant aus. Beim Gewichtsverlust bewegte sich die Wirkung in der Phase II Studie am oberen Ende dessen, was bei vergleichbaren Medikamenten beobachtet wurde. Finanz und Wirtschaft verglich die Ergebnisse mit Tirzepatid von Eli Lilly. Nach 48 Wochen lag Enicepatide bei der höchsten Dosis in einer ähnlichen Grössenordnung (FuW, 22.09.2026).
Solche Vergleiche sind allerdings mit Vorsicht zu betrachten. Enicepatide und Tirzepatid wurden nicht in derselben Studie direkt miteinander verglichen. Unterschiede bei den Teilnehmern, der Studiendauer und dem Studiendesign können die Ergebnisse beeinflussen. Roche weist deshalb selbst darauf hin, dass ein direkter Vergleich zwischen verschiedenen Studien nur eingeschränkt möglich ist (AWP, 22.09.2026).
Für Roche ist vor allem eines entscheidend: Die bisherigen Daten zeigen Potenzial, müssen aber in grösseren und längeren Studien bestätigt werden. Erst dann lässt sich besser beurteilen, welchen Platz Enicepatide im Wettbewerb mit den etablierten Therapien einnehmen könnte.
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Die entscheidende Prüfung steht noch bevor
Trotz der positiven Daten ist Enicepatide noch nicht zugelassen. Die bisherigen Ergebnisse stammen aus einer Phase II Studie. In der nächsten Entwicklungsstufe wird der Wirkstoff an deutlich grösseren Patientengruppen untersucht. Erst dann lässt sich besser beurteilen, ob sich die bisherigen Ergebnisse bestätigen.
Zwei Phase III Studien zur Gewichtsreduktion laufen bereits. Weitere Studien zur Blutzuckerkontrolle und zu möglichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen ab der ersten Hälfte 2027 starten. Roche will bei diesen Studien auch untersuchen, ob Enicepatide das Risiko für Ereignisse wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle senken könnte (Roche, 22.09.2026).
Auch das bisherige Sicherheitsprofil liefert einen ersten Eindruck. Die häufigsten Nebenwirkungen waren leichte bis mittelschwere Beschwerden im Magen-Darm-Bereich. Zwei Prozent der Teilnehmer in den Enicepatide Gruppen brachen die Behandlung deshalb ab (AWP, 22.09.2026).
Für Roche könnte Enicepatide damit zu einer zusätzlichen Wachstumsoption werden. Wie viel davon am Ende bei Roche ankommen könnte, lässt sich allerdings noch nicht abschätzen. Entscheidend wären erfolgreiche Phase III Studien, eine spätere Zulassung und die Positionierung gegenüber den bereits etablierten Therapien. Erst dann dürfte sich zeigen, welche Rolle Enicepatide im Abnehmgeschäft spielen könnte.