Wenn sichere Häfen ins Wanken geraten: Gold und Franken als Alternative zu Staatsanleihen
Politische Spannungen, geopolitische Konflikte und steigende Staatsverschuldung sorgen derzeit für Unruhe an den Kapitalmärkten. Gleichzeitig haben die Renditen langfristiger Staatsanleihen in mehreren Industrieländern Niveaus erreicht, die zuletzt vor Jahrzehnten zu beobachten waren. Das wirft eine ungewöhnliche Frage auf: Beginnen Anleger, die Risiken von Staaten kritischer zu bewerten als in der Vergangenheit? Für Anleger wäre dies von grosser Bedeutung. Denn sollte sich die Wahrnehmung der Sicherheit von Staatsanleihen verändern, könnten auch andere Anlageklassen stärker in den Fokus rücken.
Staatsanleihen unter Beobachtung
In der Eurozone lag die jährliche Inflationsrate im September 2026 nach Angaben der Europäischen Kommission bei 3,8 Prozent (European Commission, 02.10.2026). Nachdem die Teuerung seit März wieder angestiegen war, reagierte die Europäische Zentralbank mit Zinserhöhungen im Juni und September 2026 (Europäische Zentralbank, 11.06.2026, 10.09.2026). Gleichzeitig stehen viele Industrieländer vor der Herausforderung, hohe Schuldenstände zu finanzieren und erhebliche Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung und Industriepolitik zu stemmen.
Vor diesem Hintergrund fällt eine Entwicklung besonders auf: Die Renditen langfristiger Staatsanleihen sind in mehreren wichtigen Volkswirtschaften auf Niveaus gestiegen, die zuletzt vor Jahrzehnten erreicht wurden. In Frankreich rentierte die zehnjährige Staatsanleihe Anfang Oktober bei 4,96 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit 2002. Neben dem allgemein höheren Zinsniveau belastet dort auch die politische Unsicherheit das Anlegervertrauen (extraETF, 06.10.2026). Hinzu kommt die hohe Staatsverschuldung: Die Verbindlichkeiten Frankreichs beliefen sich im Jahr 2025 auf insgesamt rund 3.46 Billionen Euro (Statista, 18.08.2026). Diese Kombination könnte dazu beitragen, dass Anleger für französische Staatsanleihen einen höheren Risikoaufschlag verlangen.
Auch in Grossbritannien sind die Renditen deutlich gestiegen. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen überschritt Anfang Oktober die Marke von 6 Prozent und erreichte mit 6,07 Prozent den höchsten Stand seit 1998 (Yahoo Finance UK, 01.10.2026). Nach Einschätzung von Morningstar spiegelt dies unter anderem strukturelle Veränderungen am britischen Anleihemarkt wider. So nimmt die Nachfrage traditioneller Käufer wie leistungsorientierter Pensionsfonds ab, während durch die Bilanzverkürzung der Bank of England zusätzliche Anleihen vom privaten Markt aufgenommen werden müssen. Gleichzeitig haben die Marktverwerfungen rund um den britischen Minihaushalt im Jahr 2022 die Sensibilität der Investoren gegenüber politischer Unsicherheit nachhaltig erhöht. In Phasen erhöhter Unsicherheit verlangen Anleger daher heute offenbar einen höheren Risikoaufschlag als noch vor einigen Jahren (Morningstar, 21.09.2026).
In den USA setzte sich der Aufwärtstrend der Renditen ebenfalls fort. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen erreichte Anfang Oktober mit 5,29 Prozent den höchsten Stand seit April 2002, während die Rendite 30-jähriger Treasuries mit 5,66 Prozent auf den höchsten Stand seit Mai 2002 kletterte (CNBC, 06.10.2026). Dass die Renditen in mehreren grossen Volkswirtschaften gleichzeitig derart hohe Niveaus erreichen, ist bemerkenswert. Normalerweise würden Anleger in Zeiten politischer Unsicherheit, geopolitischer Konflikte und wirtschaftlicher Risiken verstärkt Staatsanleihen kaufen, wodurch deren Renditen sinken. Die aktuelle Entwicklung deutet hingegen darauf hin, dass Investoren zunehmend auch die langfristigen Folgen hoher Schuldenstände, politischer Unsicherheit und steigender Finanzierungskosten in ihre Bewertungen einbeziehen. Die Frage lautet damit nicht mehr nur, wie sich Inflation und Wirtschaftswachstum entwickeln werden, sondern auch, welchen Risikoaufschlag Anleger künftig für die Finanzierung von Staaten verlangen. Vor diesem Hintergrund gewinnen Anlageklassen an Bedeutung, die ausserhalb des klassischen Staatsanleihenmarktes liegen und andere Stabilitätsmerkmale bieten.
Gold als Alternative zum staatlichen Kreditversprechen
Eine mögliche Antwort liefert Gold. Das Edelmetall nimmt im Finanzsystem eine Sonderstellung ein. Anders als eine Anleihe ist Gold weder von der Bonität eines Staates noch von der Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens abhängig. Es besitzt kein Ausfallrisiko und wird deshalb seit Jahrhunderten als Wertspeicher genutzt.
Seine Rolle wird besonders in Zeiten sichtbar, in denen Anleger das Vertrauen in Papierwährungen oder Staatsfinanzen hinterfragen.
Während eine Staatsanleihe einen Kredit an einen Staat darstellt und damit von dessen finanzieller Leistungsfähigkeit abhängt, ist Gold kein Zahlungsversprechen eines Schuldners. Sein Wert beruht vielmehr auf Angebot und Nachfrage sowie seiner Rolle als weltweit akzeptierter Wertspeicher.
Gerade deshalb könnte das Edelmetall in einem Umfeld steigender politischer, geopolitischer und fiskalischer Risiken an Bedeutung gewinnen. Bemerkenswert ist zudem, dass Gold in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 130 Prozent zugelegt hat und damit viele traditionelle Anlageklassen deutlich hinter sich liess (finanzen.net, 07.10.2026).
Für Anleger ist Gold daher nicht nur eine Absicherung gegen Inflation, sondern zunehmend auch gegen politische Unsicherheit und mögliche Vertrauensverluste im Finanzsystem.
Der Schweizer Franken als Stabilitätsanker
Neben Gold könnte auch der Schweizer Franken zu den Profiteuren eines solchen Szenarios gehören. Die Schweiz geniesst seit Jahrzehnten den Ruf eines politisch stabilen Landes mit vergleichsweise soliden Staatsfinanzen und einer Notenbank, die Preisstabilität traditionell besonders hoch gewichtet (Schweizerische Nationalbank).
Während viele Staaten mit steigender Verschuldung und erhöhtem Inflationsdruck konfrontiert sind, schätzen internationale Investoren diese Verlässlichkeit. Der Franken stellt damit eine interessante Alternative für Anleger dar, die Sicherheit suchen, ohne unmittelbar in Staatsanleihen zu investieren.
Wenn Sicherheit neu definiert wird
Die vergangenen Jahrzehnte waren von der Annahme geprägt, dass Staatsanleihen der wichtigste sichere Hafen der Kapitalmärkte sind. Die aktuellen Entwicklungen werfen jedoch die Frage auf, ob dieser Sonderstatus dauerhaft Bestand haben wird.
Noch ist offen, ob es sich lediglich um eine vorübergehende Marktphase oder um einen längerfristigen Wandel handelt. Auffällig ist jedoch, dass steigende Renditen, hohe Schuldenstände, politische Spannungen und geopolitische Risiken inzwischen gleichzeitig auftreten. Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die viele Jahre kaum gestellt wurde: Welche Vermögenswerte suchen Anleger auf, wenn Staatsanleihen selbst zunehmend als Risikofaktor wahrgenommen werden?
Gold und der Schweizer Franken könnten in einem solchen Umfeld zu den Profiteuren zählen. Beide stehen für unterschiedliche Formen von Stabilität und bieten Anlegern eine Alternative zu traditionellen Zufluchtsorten. Allerdings unterliegen auch Gold und der Schweizer Franken Wertschwankungen und können sich je nach Marktumfeld unterschiedlich entwickeln. Genau deshalb lohnt es sich, ihre Entwicklung in den kommenden Jahren besonders aufmerksam zu verfolgen.
Dennoch ist zu berücksichtigen, dass politische Entwicklungen, geopolitische Konflikte, künftige Inflationsverläufe oder Veränderungen der Staatsverschuldung kaum zuverlässig vorherzusagen sind. Gerade diese Faktoren dürften jedoch massgeblichen Einfluss darauf haben, wie Anleger die Risiken von Staatsanleihen künftig bewerten und welche Vermögenswerte sie als sichere Häfen bevorzugen.
Ebenso bleibt offen, ob die aktuell gestiegenen Renditen tatsächlich Ausdruck eines strukturellen Vertrauensverlusts in Staatsanleihen sind oder vielmehr das Ergebnis einer vorübergehenden Anpassung an das aktuelle Inflations- und Zinsumfeld. Staatsanleihen könnten ihre Rolle als bevorzugter sicherer Hafen künftig ebenso wieder festigen. Welche Vermögenswerte Anleger langfristig als besonders verlässlich ansehen werden, lässt sich daher zum heutigen Zeitpunkt nicht abschliessend beurteilen. Umso wichtiger ist es, mögliche Chancen stets im Zusammenhang mit den damit verbundenen Risiken zu betrachten.