Die Branche greift zum Controller
Seit 13 Jahren warten Spieler auf den 19. November, denn an diesem Tag erscheint «Grand Theft Auto VI». Ein grosser Konkurrenztitel kommt erst im Februar auf den Markt, und auch für Take Two Interactive, den Konzern hinter dem Spiel, ist es kein gewöhnlicher Release. Ein Grossteil des erwarteten Wachstums soll von diesem einen Titel kommen. Entsprechend genau dürfte die Branche den Start verfolgen. Was passiert, wenn ein einzelnes Spiel ein ganzes Geschäftsjahr tragen soll?
Aus Schottland auf die Konsolen der Welt
Die Reihe «Grand Theft Auto» geht auf das Jahr 1997 zurück. Entwickelt wurde der erste Teil vom schottischen Studio DMA Design, das heute als Rockstar North zu Take Two Interactive gehört. Der bisher letzte Hauptteil, «Grand Theft Auto V», erschien 2013 und zählt zu den profitabelsten Spielen der Branche (Reuters, 06.11.2025). Er wurde bis heute mehr als 230 Millionen Mal verkauft (Take Two Interactive, 06.08.2026). An diesem Erfolg wird der Nachfolger gemessen. Rockstar verschob ihn zweimal, zuletzt auf den jetzigen Termin, und begründete das mit dem nötigen Feinschliff (Reuters, 06.11.2025). Zum Start erscheint er zunächst für PlayStation 5 und Xbox Series X/S (BR24, 22.06.2026).
Take Two: Viel Gewicht auf einem Titel
Für Take Two Interactive ist der Release mehr als ein Produktstart. Der Konzern erwartet für das Geschäftsjahr bis März 2027 Nettobuchungen von 8.0 bis 8.2 Milliarden Dollar. Diese Kennzahl misst den Wert der verkauften Spiele und Inhalte, unabhängig davon, wann sie als Umsatz verbucht werden. Den erwarteten Zuwachs führt das Management vor allem auf «Grand Theft Auto VI» zurück (Take Two Interactive, 21.05.2026). Er dürfte sich damit auf die Monate nach dem Start konzentrieren.
Ein Fundament gibt es trotzdem. Rund 65 Prozent der Buchungen sollen aus wiederkehrenden Ausgaben stammen, also aus Zusatzkäufen innerhalb bestehender Spiele (Take Two Interactive, 21.05.2026). Dazu zählt «GTA Online», das laut CEO Strauss Zelnick auch nach dem Start des Nachfolgers weiterlaufen soll (Finanztrends, 05.10.2026).
Dem steht ein Kostenrisiko gegenüber. Die Entwicklung des neuen Spiels könnte nach einzelnen Schätzungen bis zu 3 Milliarden Dollar gekostet haben, Take Two macht dazu keine Angaben (BR24, 22.06.2026). Dass auch grosse Titel die Erwartungen verfehlen können, zeigt der Wettbewerber Electronic Arts. «Dragon Age: The Veilguard» erreichte Ende 2024 nur rund die Hälfte der erwarteten Spielerzahl (Electronic Arts, 22.01.2025). «Battlefield 6» übertraf ein Jahr später dagegen die Erwartungen (Reuters, 03.02.2026).
Xbox: Gastgeber unter Druck
Take Two feiert den Release nicht allein, denn eine der Bühnen gehört Microsoft. «Grand Theft Auto VI» erscheint auch für die Xbox. Ende September meldete Take Two einen neuen, langfristigen Vertrag mit Microsoft, der alle Geräte der Xbox abdeckt. Verkauft Microsoft Spiele von Take Two digital, zahlt es den Grosshandelspreis oder einen vereinbarten Umsatzanteil (Take Two Interactive, 30.09.2026). Läuft der Verkauf gut, dürfte die Plattform also mitverdienen.
Der Gastgeber steht jedoch selbst unter Druck. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 (April bis Juni) wuchs Microsoft insgesamt um 18 Prozent. Die Erlöse mit Xbox-Inhalten und -Diensten sanken jedoch um 10 Prozent, wie aus der Quartalsmitteilung vom 29. Juli 2026 hervorgeht. Anfang Juli kündigte der Konzern die grösste Neuaufstellung in der Geschichte der Xbox an. Rund 3 200 Stellen fallen weg, vier Studios verlassen die Sparte, und Chefin Asha Sharma bezeichnete das Geschäft als nicht gesund (Deadline, 06.07.2026). Die Margen lägen laut einem internen Schreiben um ein Mehrfaches unter jenen der Konkurrenz (NPR, 09.07.2026).
Auch im eigenen Programm zeigt sich die Vorsicht. Microsoft verschob sein Rollenspiel «Fable» vom Herbst 2026 auf Februar 2027. Als Grund nannte Xbox den dichten Veröffentlichungskalender und den Wunsch, dem Spiel einen eigenen Zeitraum zu geben. In der Liste der grossen Titel für 2026 führte Microsoft auch «GTA VI» auf (heise, 29.05.2026). Für das Quartal bis Ende September rechnete Microsoft zudem mit sinkenden Hardwareumsätzen (Microsoft, 29.07.2026). Ob «Grand Theft Auto VI» das ändert, könnte sich erst in den Zahlen zum Weihnachtsquartal zeigen.
Einordnung
Der 19. November dürfte zeigen, wie viel ein einzelner Titel tragen kann. Gelingt der Start, könnte Take Two belegen, dass sich grosse Veröffentlichungen verlässlich planen lassen. Ein holpriger Start würde dagegen sichtbar machen, wie stark das Geschäft an wenigen Marken hängt. Auch für die Branche wäre das Ergebnis aufschlussreich, denn Marktforscher von Newzoo sehen im Spiel einen wichtigen Impuls für die Konsolen (Newzoo, 10.09.2026). Wer den Sektor beobachtet, könnte weniger auf den ersten Verkaufstag achten als auf die Monate danach. Entscheidend wäre, wie lange Spieler und Plattformen dem Titel treu bleiben. Erst dann liesse sich die Frage vom Anfang beantworten, ob ein einzelnes Spiel ein ganzes Geschäftsjahr tragen kann.