EZB vor dem nächsten Zinsschritt
Sommer, Sonne, Sonnenschein: und plötzlich klettert die Inflation im Euroraum über die Marke von drei Prozent. Dies könnte Anlegerinnen und Anleger in den kommenden Wochen beschäftigen. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) trifft sich am 10. September zur nächsten Zinssitzung, und die jüngsten Daten sprechen eine deutliche Sprache: der nächste Zinsschritt könnte bevorstehen. Wie die EZB darauf reagiert, dürfte in den kommenden Wochen Einfluss darauf haben, wie sich Aktien, Wachstumswerte und Kryptomärkte entwickeln.
Die Teuerung überrascht nach oben
Die Inflation im Euroraum ist im August auf 3,3 Prozent gestiegen und damit auf den höchsten Stand seit September 2023 (FuW, 01.09.2026). Getrieben wurde der Anstieg vor allem von den Energiepreisen: Der europäische Gaspreis kletterte gegenüber dem Niveau im Juni 2026 um 25 Prozent, während der Ölpreis der Nordseesorte Brent lediglich um 4 Prozent zulegte. Bemerkenswert ist zudem, dass sich auch die Industriepreise ohne Energie beschleunigt haben. Dies deutet darauf hin, dass Unternehmen ihre gestiegenen Kosten zunehmend an die Kundschaft weitergeben. Die Kerninflation, die Energie und Lebensmittel ausklammert, zeigte sich im August zwar etwas ruhiger. Ökonomen warnen jedoch davor, darin bereits eine Trendwende zu sehen.
Die EZB vor einer Weichenstellung
Mit diesen Zahlen nähert sich die Teuerung dem Basisszenario der EZB-Ökonomen an, die für das dritte und vierte Quartal eine Inflationsrate von jeweils 3,4 Prozent erwarten – deutlich über dem Notenbankziel von 2 Prozent (FuW, 01.09.2026). Der EZB-Rat hatte den Leitzins erstmals seit fast drei Jahren im Juni bereits von 2,0 auf 2,25 Prozent angehoben und die Zinsen im Juli unverändert gelassen. Dieser Entscheid war von den Marktteilnehmern grösstenteils erwartet worden (LBBW, 28.08.2026). EZB-Direktorin Isabel Schnabel sieht Spielraum für ein höheres Leitzinsniveau und verwies in einem Interview auf die anhaltenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten. Gleichzeitig berge die robuste Wirtschaft der Eurozone Aufwärtsrisiken für die Inflation (FuW, 27.08.26).
Für die Sitzung im September rechnet eine deutliche Mehrheit der Marktteilnehmer nun mit einer weiteren Anhebung um 25 Basispunkte. Dies würde den kürzesten Zinserhöhungszyklus seit 2011 markieren (Raisin, 01.08.2026). Danach könnten die Zinsen bis mindestens Mitte 2027 auf diesem Niveau verharren, sofern sich die Konjunktur und Inflationsdaten nicht deutlich verändern. Auch für die Schweiz ist an den Terminmärkten eine Zinserhöhung bis Juni weitgehend eingepreist (FuW, 01.09.2026).
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Zinsdruck und Wachstumswerte
Für die Kapitalmärkte sind makroökonomische Faktoren wie das Zinsumfeld sowie die Zinserwartungen äußerst relevant. Bereits der Zinsausblick in den USA zeigte im Frühsommer, wie empfindlich Wachstumswerte auf einen Kurswechsel reagieren können. Als sich die Erwartungen von möglichen Senkungen zu neuerlichen Erhöhungen drehte, gerieten besonders Technologie und wachstumsorientierte Titel unter Druck. Defensivere und substanzorientierte Werte zeigten sich dagegen vergleichsweise robust (Reuters, 02.07.26).
Für den Euroraum ist die Ausgangslage ähnlich. Nach der Zinserhöhung im Juni entschied sich die EZB im Juli zunächst für eine Pause, um die Wirkung des vorangegangenen Schritts auf Inflation, Löhne und Nachfrage abzuwarten, schloss weitere Zinsschritte aber ausdrücklich nicht aus (Bankhaus Herzogpark, 19.08.2026). Entscheidend dürfte sein, ob die EZB die September-Erhöhung als vorläufigen Schlusspunkt kommuniziert oder sich die Tür für weitere Schritte offenhält. Manche Ökonomen gehen in ihrem Basisszenario davon aus, dass die EZB nach der Erhöhung im September wahrscheinlich noch einen weiteren Zinsschritt vornehmen dürfte, bevor sie angesichts nachlassender Inflation eine Pause einlegt und die Geldpolitik schrittweise wieder in Richtung des 2-Prozent-Ziels lockert. Die Gesamtinflation im Euroraum könnte demnach 2026 bei rund 2,7 Prozent verharren, ehe sie sich 2027 auf knapp 2,3 Prozent abschwächt (payoff.ch, 28.08.2026). Sollte sich der Preisdruck fortsetzen, wäre auch ein länger anhaltender restriktiver Kurs denkbar, was für zinssensitive Sektoren eine anhaltende Belastung darstellen könnte.
Krypto zwischen Liquidität und Zinsdruck
Ein ähnliches Muster liesse sich für Kryptowährungen beobachten. Steigende Leitzinsen entziehen den Märkten tendenziell Liquidität, was Risikoanlagen wie Bitcoin belasten kann. Sinkende Zinsen haben umgekehrt historisch eher unterstützend gewirkt (Finanzwelt, 04.12.2025). Dass diese Verbindung auch aktuell relevant bleibt, zeigte sich Mitte August: Bereits das Signal einer möglichen japanischen Zinserhöhung im September wurde gemeinsam mit dem Zinsdruck in den USA als belastender Faktor für globale Risikoanlagen gewertet (finanzen.net, 19.08.2026). Für Anlegerinnen und Anleger heisst das vor allem eines: Die Reaktionsfunktion der Notenbanken bleibt ein zentraler Taktgeber für die Kapitalmärkte. Die kommenden Wochen mit den September-Projektionen der EZB und den Herbstdaten zur Konjunktur dürften zeigen, ob sich der Preisdruck als vorübergehendes Sommerphänomen erweist oder ob sich die Notenbanken auf einen längeren geldpolitischen Balanceakt einstellen müssen.