Wie Biosimilars zum Wachstumsmotor von Sandoz werden
Noch vor wenigen Jahren war Sandoz vor allem als Generika-Spezialist bekannt. Heute rücken Biosimilars immer stärker ins Zentrum. Im ersten Halbjahr 2026 entwickelten sie sich zum wichtigsten Wachstumstreiber des Unternehmens. Während das klassische Generikageschäft unter Preisdruck steht, profitiert Sandoz von einem Milliardenmarkt, der mit dem Auslaufen zahlreicher Patente biologischer Medikamente rasant an Bedeutung gewinnt.
Vom Generikahersteller zum Biosimilar-Spezialisten
Sandoz blickt auf eine lange Geschichte zurück, stand jedoch bis zur Abspaltung von Novartis im Jahr 2023 meist im Schatten des Mutterkonzerns. Als eigenständiges Unternehmen verfolgt die Basler Gesellschaft eine klare Strategie: Sie will ihre führende Position im Markt für Generika behaupten und gleichzeitig das Geschäft mit Biosimilars deutlich ausbauen (Sandoz, 05.08.2026).
Obwohl Generika und Biosimilars häufig gemeinsam genannt werden, unterscheiden sie sich grundlegend. Generika sind «Nachahmerpräparate» chemisch hergestellter Medikamente und lassen sich praktisch identisch zum Original herstellen. Biosimilars hingegen orientieren sich an biotechnologisch produzierten Arzneimitteln. Da diese aus lebenden Zellen hergestellt werden, sind sie naturgemäss komplexer. Biosimilars sind deshalb keine exakten Kopien, sondern müssen in umfangreichen Studien nachweisen, dass sie hinsichtlich Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität mit dem Originalpräparat vergleichbar sind. Gerade diese höhere Eintrittsbarriere macht den Markt attraktiv. Die Entwicklung ist kostspieliger als bei klassischen Generika, gleichzeitig ist der Wettbewerb häufig weniger intensiv. Hersteller mit langjähriger Erfahrung und globaler Produktionsinfrastruktur verfügen dadurch über Vorteile gegenüber neuen Marktteilnehmern.
Dass diese Strategie für Sandoz aufzugehen scheint, spiegeln die aktuellen Geschäftszahlen wider. Im zweiten Quartal 2026 stiegen die Konzernumsätze währungsbereinigt um 7 Prozent auf rund 3.0 Milliarden US-Dollar. Besonders eindrucksvoll entwickelte sich das Biosimilar-Geschäft, dessen Umsatz um 22 Prozent zulegte. Das klassische Generikageschäft kehrte nach einem schwachen Jahresauftakt ebenfalls wieder auf einen leichten Wachstumspfad zurück und verzeichnete ein Plus von immerhin 1 Prozent (Sandoz, 05.08.2026).
Biosimilars gewinnen zunehmend an Bedeutung
Weltweit laufen Patente zahlreicher biologischer Medikamente aus, die bislang Milliardenumsätze erzielten. Sobald der Patentschutz endet, können Wettbewerber vergleichbare Präparate entwickeln und zu niedrigeren Preisen anbieten. Gesundheitssysteme begrüssen diese Entwicklung, weil dadurch die Behandlungskosten sinken und mehr Patienten Zugang zu modernen Therapien erhalten. Für Medikamentenhersteller ergeben sich dadurch attraktive Wachstumsmöglichkeiten. Gleichzeitig verlangt die Entwicklung erhebliche Investitionen in Forschung, Produktion und regulatorische Zulassungsverfahren. Nicht jedes Unternehmen verfügt über die erforderlichen finanziellen und technologischen Ressourcen.
Sandoz gehört zu den etablierten Anbietern in diesem Markt. Das Unternehmen verfügt mittlerweile über eines der weltweit grössten Biosimilar-Portfolios und bringt regelmässig neue Produkte auf den Markt. Entsprechend steigt auch deren Bedeutung innerhalb des Konzerns. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen bereits 33 Prozent des Gesamtumsatzes auf Biosimilars – ein neuer Höchstwert. Ein Jahr zuvor lag dieser Anteil noch bei 29 Prozent (Sandoz, 05.08.2026).
Besonders dynamisch entwickelte sich Nordamerika. Dort legten die Biosimilar-Umsätze im ersten Halbjahr währungsbereinigt um 47 Prozent zu. Der US-Markt gilt trotz regulatorischer Hürden als besonders attraktiv, da biologische Medikamente dort häufig deutlich höhere Preise erzielen als in Europa. Entsprechend gross sind die Einsparpotenziale für Krankenkassen und Gesundheitssysteme, wenn günstigere Alternativen verfügbar werden (Sandoz, 05.08.2026).
Wachstum trifft auf Herausforderungen
Trotz der positiven Entwicklung bleibt das Umfeld anspruchsvoll. Das klassische Generikageschäft steht seit Jahren unter erheblichem Preis- und Wettbewerbsdruck. Gesundheitssysteme versuchen kontinuierlich, Arzneimittelkosten zu senken, wodurch die Margen vieler Hersteller schrumpfen. Gleichzeitig steigen Produktions- und Qualitätsanforderungen.
Auch geopolitische Entwicklungen könnten die Branche beeinflussen. In den USA wird weiterhin über mögliche Importzölle auf Arzneimittel diskutiert. Für global tätige Unternehmen wie Sandoz wäre deren konkrete Ausgestaltung entscheidend. Das Management betont deshalb, dass sich die Auswirkungen derzeit noch nicht verlässlich abschätzen liessen und hält an seinem bisherigen Geschäftsausblick fest (Wall Street Journal, 22.07.2026).
Hinzu kommen rechtliche Risiken. Erst Anfang August erzielte Sandoz eine Einigung mit zahlreichen US-Bundesstaaten in einem langjährigen Kartellverfahren über den Generikamarkt. Die Vergleichszahlungen sollen sich auf insgesamt 450 Millionen US-Dollar belaufen, wobei das Unternehmen ausdrücklich kein Fehlverhalten eingesteht. Nach Angaben von Sandoz beeinflusst die Einigung weder den Ausblick für 2026 noch die mittelfristigen Unternehmensziele (Reuters, 03.08.2026).
Operativ zeigen sich bei Sandoz dennoch Fortschritte. Die Profitabilität verbesserte sich im ersten Halbjahr weiter und das bereinigte operative Ergebnis (Core EBITDA) stieg um 15 Prozent auf über 1.2 Milliarden US-Dollar, während sich die entsprechende Marge auf 20,9 Prozent erhöhte. Gleichzeitig bestätigte das Unternehmen seine Jahresprognose (Sandoz, 05.08.2026).
Ein Markt mit langfristigem Potenzial
Die kommenden Jahre dürften von einer Vielzahl weiterer Patentabläufe biologischer Medikamente geprägt sein. Branchenbeobachter sprechen deshalb teilweise von einer besonders dynamischen Phase für Biosimilars. Für etablierte Anbieter könnten sich dadurch zusätzliche Marktchancen eröffnen, sofern sie ihre Produktpipelines erfolgreich ausbauen und neue Präparate zügig auf den Markt bringen können (Wall Street Journal, 05.08.2026).
Ob Sandoz dieses Potenzial vollständig ausschöpfen kann, dürfte von mehreren Faktoren abhängen. Neben erfolgreichen Produkteinführungen spielen regulatorische Entscheidungen, Preisentwicklungen sowie die Akzeptanz von Biosimilars bei Ärzten, Patienten und Gesundheitssystemen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig bleibt das klassische Generikageschäft ein bedeutender Umsatzträger, auch wenn dessen Wachstumsaussichten begrenzter erscheinen. Während Generika weiterhin das Fundament bilden, entwickelt sich das Biosimilar-Geschäft zunehmend zum Wachstumsmotor für Sandoz.