Optische Netzwerke: Die zunehmend bedeutende Schlüsseltechnologie
Kupfer war jahrzehntelang das Rückgrat der Rechenzentren. Nun wird es zum Flaschenhals der KI-Revolution. Die Antwort der Industrie: Licht statt Strom. Denn statt Daten als elektrische Signale durch Kupfer zu schicken, setzt die Industrie zunehmend auf optische Netzwerke, die Daten als Lichtimpulse durch Glasfasern übertragen. Das ermöglicht einen schnellen und energieeffizienten Austausch riesiger Datenmengen und macht optische Technologien zu einer zentralen Voraussetzung für Cloud-Infrastrukturen und moderne KI-Anwendungen. Mit dem weltweiten Ausbau dieser Infrastruktur dürfte die Bedeutung photonischer Technologien weiterwachsen. Ein Blick auf den strukturellen Wachstumstrend, der die digitale Infrastruktur neu verkabelt.
Vom Nischenthema zur tragenden Säule der KI-Infrastruktur
Ein Kupferkabel, das Server in Rechenzentren verbindet, stösst bei den heutigen Datenmengen an eine physikalische Grenze. Je mehr Bits pro Sekunde übertragen werden, desto mehr Energie geht als Wärme verloren. Mit steigenden Übertragungsraten nimmt dieser Effekt überproportional zu. Genau dieses Problem hat sich mit dem Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI) zu einem der grössten Engpässe der digitalen Infrastruktur entwickelt. Beim Training grosser KI-Modelle müssen zehntausende Grafikchips kontinuierlich Daten austauschen, was die Kabel zwischen ihnen an ihre Belastungsgrenze bringt. Die Industrie setzt deshalb auf optische Datenübertragung über Glasfasern statt elektrischer Signale. Dieser Wandel ist bereits weit fortgeschritten: Bei den optischen Transceivern, den Modulen, die Server und Switches in Rechenzentren miteinander verbinden, steigt der Anteil mit einer Übertragungsrate von 800 Gigabit pro Sekunde oder laut Trendforce von 19,5 Prozent im Jahr 2024 auf über 60 Prozent im Jahr 2026 (TrendForce). Diese Prognosen beruhen auf Schätzungen externer Marktbeobachter. Eine tatsächliche Entwicklung kann hiervon abweichen.
Drei Stufen einer Wertschöpfungskette
Die Wertschöpfungskette der optischen Technologie selbst lässt sich in drei Stufen abbilden: Ganz am Anfang stehen photonische Grundbausteine wie Laser, Modulatoren und Fotodioden, die Lichtsignale erzeugen und lesbar machen. Darauf aufbauend folgen Transceiver und optische Module, welche die Übersetzung zwischen elektrischen und optischen Signalen leisten und damit das Bindeglied zwischen Servern bilden. Die dritte Stufe umfasst komplette Netzwerksysteme, mit denen Telekomanbieter und Hyperscaler, also Grosskonzerne wie Amazon, Microsoft oder Google, die riesige Cloud und Rechenzentrumskapazitäten betreiben, grosse Datenmengen über weite Strecken transportieren.
Wie sich die Nachfrage in den Kursen widerspiegelt
Diese Marktdynamik ist an der Börse deutlich sichtbar geworden. Kaum ein Segment des breiteren Technologiemarkts hat in den vergangenen Quartalen eine derart ausgeprägte Kursentwicklung gezeigt wie die Optiktitel, getragen von Unternehmen, die ihre Wachstumsversprechen bereits in harten Zahlen belegen konnten.
Laut der Pressemitteilung vom 5. Mai 2026 habe Lumentum im dritten Fiskalquartal 2026 einen Umsatz von 808.4 Millionen US-Dollar verzeichnet, ein Plus von 90 Prozent gegenüber dem Vorjahr, gestützt durch einen Auftragsbestand für optische Schaltsysteme von über 400 Millionen US-Dollar (Lumentum Holdings, Pressemitteilung Mai 2026). Auch der japanische Glasfaserhersteller Fujikura profitiert vom Boom: Getrieben durch die Nachfrage nach optischen Kabeln für KI-Rechenzentren sei der Umsatz nach Angaben von Fujikura (Jahresabschluss Mai 2026) im Geschäftsjahr bis März 2026 um 20,7 Prozent, der Betriebsgewinn sogar um 39,2 Prozent, das fünfte Rekordjahr in Folge. Die Aktie hatte sich in den beiden Jahren zuvor vervielfacht, wenn auch mit deutlichen Korrekturen zwischenzeitlich (Reuters, 2025). Applied Optoelectronics wiederum meldete im ersten Quartal 2026 zum vierten Mal in Folge einen Umsatz, ein Plus von 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getrieben vor allem durch das Wachstum im Rechenzentrumsgeschäft (Applied Optoelectronics, Pressemitteilung Mai 2026). Einzelne Aktien aus dem Sektor verzeichneten zeitweise erhebliche Kursanstiege. Die Wertentwicklung einzelner Unternehmen kann jedoch erheblichen Schwankungen unterliegen und erlaubt keine Rückschlüsse auf zukünftige Entwicklungen. Auffällig an diesen Beispielen ist, dass mehrere Unternehmen tatsächliche Umsatzsteigerungen berichten konnten.
Wie schnell sich dieses Bild jedoch eintrüben kann, zeigte sich erst kürzlich: Innerhalb weniger Handelstage gaben Titel wie Applied Optoelectronics und Lumentum einen Teil ihrer zuvor erzielten Kursgewinne wieder ab, nachdem an den Halbleitermärkten allgemein eine Phase der Risikoabneigung eingesetzt hatte, ohne dass es dazu unternehmensspezifische negative Nachrichten gegeben hätte (24/7 Wall St., 2026).
Technologiesprünge als Wachstumstreiber und ihre Risiken
Ein weiterer Wachstumstreiber für die Optikbranche ist der kontinuierliche Wechsel auf immer höhere Übertragungsstandards. Nach der breiten Einführung von 400G-Systemen setzt sich nun die nächste Ausbaustufe durch.
800G-Module bilden aktuell den Industriestandard in den grossen KI-Rechenzentren. Doch auch diese Kapazität scheint bereits an ihre Grenzen zu stossen. Für die weitere Entwicklung der optischen Netzwerkbranche dürfte daher vor allem eine Frage entscheidend sein: Wie geht es nach 800G weiter?
Die Antwort zeichnet sich bereits ab: der Übergang zu 1.6-Terabit-Übertragungsstandards, dem doppelten Tempo von 800G. Dieser neue Standard befindet sich bei mehreren Hyperscalern bereits in der Qualifizierungsphase, das heisst, sie testen ihn derzeit in eigenen Rechenzentren, bevor er im grossen Stil zum Einsatz kommt. Läuft dieser Prozess wie geplant, könnte dies zu einer höheren Nachfrage nach entsprechenden Netzwerkkomponenten führen (Dataintelo, 2026).
Parallel dazu rücken sogenannte Co-Packaged Optics in den Vordergrund. Dabei werden die optischen Komponenten nicht mehr als separates Steckmodul, sondern direkt neben dem Rechenchip platziert. Dieser Ansatz liesse sich als logische Weiterentwicklung verstehen, denn er würde den Energieverbrauch pro übertragene Bit nochmals spürbar senken. Dies ist ein Aspekt, der angesichts des enormen Strombedarfs von Rechenzentren an Bedeutung gewinnen dürfte. Jeder Technologiesprung könnte die Anforderungen an optische Module, Transceiver, Laser, photonische Chips und Netzwerkkomponenten erhöhen. Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette könnten dadurch von wiederkehrenden Investitionszyklen profitieren. Ob und in welchem Umfang sich daraus wirtschaftliche Vorteile ergeben, ist jedoch von zahlreichen Faktoren abhängig.
Wie ungleich der globale Energiebedarf schon heute verteilt ist, zeigt sich am regionalen Stromverbrauch: Asien lag 2024 mit rund 13 812 Terawattstunden deutlich vor Nordamerika und Europa mit 4 709 respektive 3 293 Terawattstunden (Statista, 2026), ausgerechnet dort, wo ein grosser Teil der neuen Rechenzentrumskapazitäten entsteht.
Den potenziellen Chancen stehen jedoch reale Risiken gegenüber. Auf der Angebotsseite gelten Engpässe bei vorgelagerten Komponenten wie Indium-Phosphid-Lasern als möglicher Flaschenhals, der die Skalierung der Branche bremsen könnte. Hinzu kommt eine gewisse Kundenkonzentration: Viele Unternehmen hängen von einer überschaubaren Zahl grosser Hyperscaler-Kunden ab, was einzelne Titel anfällig für Verschiebungen in deren Investitionsplänen macht. Auch die Visibilität der kurzfristigen Umsatzentwicklung ist eingeschränkt, da ein erheblicher Teil der Auftragsbestände erst im kommenden Geschäftsjahr abgearbeitet werden soll. Falls sich die Abarbeitung der Auftragsbestände verzögern sollte, könnte dies die Erwartungen des Marktes belasten.
Der Solactive Optical Networks Technology Index
Wer an diesem Ausbau teilhaben möchte, ohne sich auf einzelne Titel festzulegen, findet mit einem Zertifikat auf den Solactive Optical Networks Technology Index eine mögliche Anlageform: Aus den beschriebenen drei Stufen der Wertschöpfungskette wählt der Index mittels eines textbasierten Analyseverfahrens namens ARTIS die 15 relevantesten Unternehmen aus und gewichtet sie nach Streubesitz, mit einer Einzeltitelgrenze von 20 Prozent (Solactive, 2026). Diese 15 Unternehmen decken die zuvor beschriebenen drei Stufen der Wertschöpfungskette ab, von photonischen Komponenten über Transceiver bis hin zu Netzwerksystemen.
Zwei Blickwinkel auf denselben Trend
Für Anlegerinnen und Anleger, die sich mit dem Sektor auseinandersetzen, dürfte weniger die Frage im Vordergrund stehen, ob der zugrunde liegende Bedarf an optischer Konnektivität weiterwächst. Dafür sprechen sowohl die technischen Argumente als auch die bisherigen Geschäftszahlen der Indexschwergewichte. Im Vordergrund dürfte vielmehr stehen, wie gleichmässig sich dieses Wachstum verteilt und wie belastbar die Lieferketten für die photonischen Komponenten tatsächlich sind. Zudem bleibt abzuwarten, wie schnell sich die angekündigten Investitionen der Cloud-Anbieter in nutzbarer Kapazität niederschlagen und ob die Branche diesen Übergang ohne grössere Engpässe bewältigen kann.